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Leseprobe Wirtschaftsmagazin Bodensee / Rubrik: Standort Schweiz

Der Thurgau

Labor der Industriealisierung

Mostindien müsste eigentlich Rostindien heißen. Im Thurgau prägte die Industrie Mensch und Landschaft um ein Vielfaches nachhaltiger als es Apfelbäume jemals tun werden.

„Meine Industriegeschichte.ch“ in einem Wort geschrieben. So heißt eine wegweisende Internetplattform, auf der sich Menschen wie du und ich austauschen. Zeitzeuginnen, die von Kinderarbeit in der Textilindustrie berichten. Männer, welche die chinesischen Billigprodukte in der Metallbranche fürchten. Menschen, die mit der Stempeluhr groß geworden sind. Die Rhythmen und Mechanismen der Fabrikarbeit schraubten sich in den vergangenen 300 Jahren in unseren Alltag hinein, nährten Erwartungen und Fortschrittsglaube, aber auch Angst und Schrecken und zwar bis heute – denken wir nur an das Bedrohungsszenario, dass uns die humanoiden Roboter eines Tages die Arbeit wegnehmen.

Vom Dorf zur Manufaktur

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Hoffnungen und Sorgen der Arbeiterinnen, der Angestellten und der Unternehmer weit zurückreichen. Im 17. Jahrhundert, als die Menschen südlich des Bodensees noch hauptsächlich für sich und die nähere Umgebung produzierten, kamen risikofreudige Kaufmänner plötzlich auf jene Idee, welche die Moderne einleitete: Die Bauern und Gesellen sollen alle am gleichen Ort wohnen und für eine Manufaktur nur noch Zulieferarbeiten ausführen, also Teil des Produktionsprozesses für ein einzelnes Produkt sein. Dieses Produkt war damals das Leintuch. In Hauptwil versammelte in diesem Sinn der Kaufmann Hans Jacob Gonzenbach (1611–1671) die Wäscher, Spinner, Bleicher und Färber um sich, baute ihnen Häuser und gestaltete das Dorf komplett um. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich die Einwohnerzahl und Hauptwiler Leinwand wurde weltweit exportiert.

Eintritt in den Weltmarkt

Auf einen Schlag trat also der Thurgau in den globalen Markt ein. Die Situation in Hauptwil erinnert an ein Labor, in dem die moderne Welt mit ihren geregelten Arbeitszeiten, den Abhängigkeiten von den Unternehmen, aber auch Luxus und Freizeit geübt wurde. Die Bauern und Gesellen konnten sich nun vom verdienten Geld plötzlich Kaffee oder neue Kleider kaufen, was vorher nur Adligen und reichen Bürgern möglich gewesen war. Die Manufaktur-Siedlung Hauptwil markiert einen Anfang, ist aber gleichzeitig nur ein Meilenstein in der Entwicklung des europaweit äußerst früh industrialisierten Gebiets südlich des Bodensees. Dank der vielen Flüsse im Gebiet konnte Energie gewonnen werden und gleichzeitig stand das Wasser für die komplexen Bleiche- und Färberprozesse zur Verfügung. Die Textilindustrie blühte insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert auf, so stark, dass die türkischroten oder blauen, nach indischen Mustern bedruckten Stoffe aus dem Thurgau sogar im internationalen Sklavenhandel zu den beliebtesten Zahlungsmitteln gehörten.

Innovation dank Migration

Migranten aus Deutschland, wie etwa der Strumpfwirker Johann Joseph Sallmann (1823–1871) aus Sachsen, brachten Know-how und Innovation in die Region und förderten den Maschinenbau im Textilwesen. Die Produktionssteigerung ermöglichte bald, dass rund 50 Prozent der Thurgauer Bevölkerung eine Arbeit in der Industrie finden konnte. Von Apfelkanton kann also weder für die Zeit vor 100 Jahren noch für jene vor 300 Jahren die Rede sein! Die Überhöhung des Apfels gegenüber den eigentlich erfolgreichen Thurgauer Produkten der Industrie – wie etwa der Bernina-Nähmaschine ...

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