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Leseprobe Rubrik: Klöster im Thurgau

Einkehr einmal anders

Der Thurgau ist reich an kleineren und grösseren Klöstern. Noch heute prägen die oft prachtvollen Bauten die Landschaft und bilden attraktive Anziehungspunkte für Tourismus und Freizeit.

Der Thurgau ist reich an kleineren und grösseren Klöstern. Im Mittelalter wurden von Benediktinern, Dominikanern, Zisterziensern oder den Augustinern über ein Dutzend Niederlassungen gegründet, darunter auch viele Frauenklöster. Noch heute prägen die oft prachtvollen Bauten die Landschaft und bilden attraktive Anziehungspunkte für Tourismus und Freizeit.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden allerdings die meisten Klöster verstaatlicht und geschlossen. Der junge Kanton Thurgau suchte für die vielen Gebäude neue Nutzungen und entwickelte dabei eine erstaunliche Fantasie. Kalchrain bei Herdern und die ehemalige Johanniterkomturei Tobel wurden zu Gefängnissen umgebaut. In Münsterlingen und dem Dominikanerinnenkloster von St.Katharinental bei Diessenhofen entstanden Spitäler und im Augustinerchorherrenstift Kreuzlingen richtete sich das Thurgauische Lehrerseminar ein.

Heute stehen viele der ehemaligen Klöster der Öffentlichkeit in der einen oder anderen Form offen. So haben die barocken Kirchen von Paradies, Münsterlingen oder St.Katharinental als stimmungsvolle Konzertorte einen hervorragenden Ruf. Wer allerdings einen Einblick in das Leben der Mönche gewinnen will, dem empfiehlt sich ein Besuch des Benediktinerklosters Fischingen oder der Kartause Ittingen. In Fischingen leben seit 1977 wieder ein halbes Dutzend Benediktiner Mönche und betreiben ein Bildungshaus. Neben der kirchlich-religiösen Bildungsarbeit an den Wochenenden steht das Haus allen Kreisen aus Wirtschaft oder Bildung für die Durchführung von Gastkursen offen. Aber auch individuelle Besucher kommen in Fischingen auf ihre Rechnung. In den Klosterräumlichkeiten werden regelmässig Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern organisiert, so dass tagsüber auch ein Einblick in Teile der Konventsgebäude möglich ist.

Höhepunkt jedes Besuchs ist sicherlich die frisch restaurierte Klosterkirche. Das heutige Gebäude ist bestimmt durch einen umfassenden Umbau von 1685-1687 und die nachfolgende barocke Ausstattung. Besonders bemerkenswert ist die ab 1704 neu erbaute Iddakapelle, ein hochbarocker Bau, der weit herum seinesgleichen sucht. Die heilige Idda von Toggenburg lebte im 12. Jahrhundert und hatte sich nach dem frühen Tod ihres Gatten in eine Klause beim Kloster Fischingen zurückgezogen. Hier lebte sie als betende Frau und Ratgeberin des Volkes. Nach ihrem Tod setzte ihre Verehrung als heilige Frau ein. Es entstanden verschiedene Legenden um ihre Person und bald entwickelte sich eine Wallfahrt nach Fischingen. An ihrem Grabmal gibt es noch immer ein Törchen, durch das die Pilger ihre Füsse stecken können, um Linderung von Fussbeschwerden zu erhalten.

Im Vergleich zum lebendigen Pilgerbetrieb ging es in der Kartause Ittingen wesentlich verhaltener zu und her. Kartäusermönche verbinden das Ideal des Einsiedlerlebens mit einer mönchischen Lebensweise in der Gemeinschaft. Zurückgezogen ins Innere der Klosteranlage folgen sie einem rigiden Tagesplan und halten ein strenges Schweigegelübde ein. In Ittingen leben zwar seit 1848 keine Mönche mehr. Über 150 Jahre wurde die Anlage aber sorgsam gepflegt, so dass heute im Ittinger Museum ein lebendiger Einblick in die Vorstellungswelt des Kartäuserordens gewonnen werden kann. Mehrere Mönchsklausen sind noch so erhalten, wie wenn das Kloster eben noch in Betrieb gestanden hätte. Daneben können auch die reich ausgestattete Kirche und die sorgfältig restaurierte Infrastruktur des Klosters mit Refektorium, Kapitelsaal, den Sakristeien und einem Gästetrakt besucht werden. Sie zeigen eindrücklich auf, dass diese zurückgezogen lebende Mönchsgemeinschaft im 17. und 18. Jahrhundert auch auf der wirtschaftlichen Ebene höchst erfolgreich war. Das Kloster Ittingen ist heute aber weit mehr als nur ein historisches Museum. Am gleichen Ort ist auch das Kunstmuseum Thurgau domiziliert, das nicht nur die kantonale Kunstsammlung betreut, sondern durch Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlern aus aller Welt Kunst und Geschichte zusammenführt. Ein Höhepunkt eines Besuchs der Kartause Ittingen ist denn auch der „Ittingen Walk“ der kanadischen Künstlerin Janet Cardiff, in dem die historischen Räume durch ein zeitgenössisches Kunstwerk auf einzigartige Weise erlebbar gemacht werden. Doch auch wer mehr spirituelle Erfahrungen sucht, wird in Ittingen fündig. So lädt neben einem reichen Kursprogramm des evangelischen Begegnungs- und Bildungszentrums tecum ein Raum der Stille zu Meditationen ein und im Garten lässt sich in einem Labyrinth eine meditative Suche nach der Mitte unmittelbar leben. In Gebäuden und Gärten des ehemaligen Klosters verbindet sich so historisches Wissen mit zeitgenössischen Bedürfnissen und Erfahrungen aufs Schönste.

Markus Landert

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