1.) Welche Zukunftschancen und Wachstumspotenziale sehen Sie für die Umwelttechnologie im Allgemeinen – und für die Region Bodensee im Speziellen?
Umwelttechnik hat sich schon jetzt zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Im Jahr 2007 lag der Anteil der Umwelttechnik in Deutschland bei acht Prozent des Bruttoinlandprodukts – es wird prognostiziert, dass dieser Anteil bis 2020 auf 14 Prozent steigen wird. Die Umwelttechnikbranche kann bis 2020 die gegenwärtig führenden Leitbranchen Automobilbau und Maschinenbau in Deutschland ablösen, wobei gerade auch in dieser Leitbranche viele Entwicklungen hin zur Umwelttechnik gemacht werden. Zukunftschancen und Wachstumspotenzial für die Region Bodensee im Speziellen sehe ich besonders bei der ressourcensparenden, effizienten und klimaschonenden Brennstoffzellen-Technologie. Die Erzeugung von elektrischer Energie und von Wärme mithilfe von Brennstoffzellen stellt künftig eine realistische Alternative zur Verbrennung fossiler Energieträger dar.
2.) Die Wirtschaftskrise stellt derzeit Unternehmen vor große Herausforderungen. Wie gut können sich Umwelttechnologie-unternehmen aus Ihrer Sicht in der Krise behaupten?
Aktuelle Zahlen aus der Wirtschaft zeigen, dass die Umwelttechnikbranche durch die Finanzkrise zwar gebremst wird, jedoch nicht so stark unter Druck gekommen ist, wie viele andere Bereiche in der Industrie. So berichten Unternehmen aus der Automobilindustrie von Umsatzeinbrüchen bis zu 80 Prozent. Dem gegenüber stehen Einbrüche um nur zehn Prozent in der Umwelttechnik. Aufgrund der frühzeitigen Ausrichtung der deutschen Industrie auf umweltfreundliche Technologien, gehen Analysen davon aus, dass die deutschen Unternehmen nach der Krise weltweit besser dastehen als vor der Krise.
3.) Umweltschutz wurde lange Zeit als Belastung für die Wirtschaft betrachtet. Sehen Sie die Bereiche Ökonomie und Ökologie als Gegensätze?
Ökonomie und Ökologie sind keine Gegensätze. Gerade moderne Umwelttechniken leisten einen erheblichen Beitrag zum sparsamen Umgang mit begrenzten Ressourcen und schonen so die Umwelt. Sie verbessern gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen. Das Stichwort Ressourceneffizienz ist ein gutes Beispiel wie wirtschaftliche Interessen und der Schutz der Umwelt zusammenfallen können. Mein Haus hat genau diesen Aspekt aufgegriffen und dieses Jahr erstmalig den „Umwelttechnikpreis Baden-Württemberg“ vergeben. Mit diesem Preis wurden umwelttechnische Produkte ausgezeichnet, die einen bedeutenden Beitrag zur Ressourceneffizienz und Umweltschonung leisten.
4.) Welchen Stellenwert nimmt die Umwelttechnologie im Vergleich zu anderen Branchen in Baden-Württemberg ein – und wie ist dies perspektivisch zu beurteilen?
Die Ausgaben für den Umweltschutz in Baden-Württemberg belaufen sich auf 4,48 Mrd. Euro pro Jahr. Das sind 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Umwelttechnik ist für Baden-Württemberg ein wichtiger Faktor der Standortsicherung und –entwicklung. Zudem schafft Umwelttechnik Arbeitsplätze. Die Belegschaft in Unternehmen der Branche wuchs zwischen 2005 und 2007 um durchschnittlich 14 Prozent.
5.) Welche Bedeutung messen Sie clusterorientierten Netzwerken zur Stärkung des Umwelttechnologie-Standorts Bodensee bei? Und welcher Mehrwert ergibt sich aus Ihrer Sicht für Unternehmen, die in Clustern vernetzt sind?
Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen mit ihren größenbedingten Problemen im Bereich von Forschung und Entwicklung können durch die Vernetzung mit Großunternehmungen im Rahmen eines Clusters zielführend am Innovations- und Technologietransfer partizipieren. Dies wird durch eine Untersuchung bestätigt, nach der 70 Prozent der Wachstumschampions unter den kleinen und mittelständischen Unternehmen in Europa auf eine enge Einbindung von Netzwerkpartnern im Innovationsmanagement setzen. Ein clusterorientiertes Netzwerk trägt sicher zur Stärkung des Umwelttechnologie-Standorts Bodensee bei und zeigt die Bodenseeregion nicht nur als Tourismusregion sondern auch als innovativen Wirtschaftsstandort.
Tanja Gönner, Umweltministerin des Landes Baden-Württemberg


